Philosophie

Sapere aude ist ein lateinisches Sprichwort und bedeutet „Wage es, weise zu sein!“ Meist wird es in der Interpretation Immanuel Kants zitiert, der es 1784 zum Leitspruch der Aufklärung erklärte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Jau, die Philosophie. Auf einigen Websites meiner Kollegen wird die Einstellung zum Pferd und die persönliche Art der Arbeit unter „Meine Philosophie“ zusammengefasst. Aber was ist eigentlich eine Philosophie?

1. Streben nach Erkenntnis über den Sinn des Lebens, das Wesen der Welt und die Stellung des Menschen in der Welt; Lehre, Wissenschaft von der Erkenntnis des Sinns des Lebens, der Welt und der Stellung des Menschen in der Welt.

2. Persönliche Art und Weise, das Leben und die Dinge zu betrachten Das lässt sich selbstverständlich auch auf die Reiterei übertragen. Da ich es nicht besser in Worte fassen kann, möchte ich in den folgenden Zeiten Chris Debski von Pferde gesund bewegen zitieren:

„In einer Zeit in der es vor allem auf der so tonangebenden Sportbühne an aktuellen, aktiven Vorbildern zu mangeln scheint, ist es umso interessanter auch einmal einen Blick zurück zu werfen. Zurück auf die Blütezeiten der Reitkunst. Große Reitmeister, Ausbilder, Reiter, Dichter oder Philosophen haben uns wertvolle Worte rund um das Pferd und die Reiterei hinterlassen. In manchen dieser kurzen Sätzen steckt mehr wertvolle Ausbildungsphilosophie, die es wert ist zu befolgen, als in vielen dicken Büchern. Ein Ausspruch wie „Reiten Sie ihr Pferd glücklich” (Nuno Oliveira) birgt einen interessanten Denkanstoß, um uns und unsere Arbeit mit unseren Pferden zu reflektieren – Sind unsere Pferde glücklich? Bin ich bei meiner Arbeit auf dieses „glücklich” werden des Pferdes fokussiert – oder doch nur auf einen „sportlichen Erfolg”? Eine Diskussion über zweifelhafte Ausbildungsmethoden, wie der Rollkur mag auf dem sportlichen Terrain, mit Beweisen für den Erfolg der Methode, in Form von Schleifen, Preisgeldern und Rekorden noch müßig sein und man mag auf „fehlende” Studien und mangelnde Gegenbeweise verwiesen werden – jedoch konfrontiert mit dem sich in den Augen des Pferdes wiederspiegelnden Grade, oder besser gesagt Mangel an „Glücklich sein”, müsste die Diskussion sofort beendet werden. Ein Respekt gegenüber diesem wundervollen Tier, dem die Menschheit einen Großteil ihres Erfolges, Wohlstand und Fortschritts zu verdanken hat, verbietet jede Zuwiderhandeln, jede Missachtung eines Weges, ja gar einer Verantwortung dieses Tier glücklich zu machen. Gutes Reiten ist vor allem eben auch eine Sache der Philosophie, eine Frage der inneren Einstellung, beim täglichen Umgang mit dem Pferd.“

Um diese innere Einstellung zu einer eigenen Philosophie zu machen hilft eines ganz besonders. Bildung! Ich kann immer wieder nur zur Weiterbildung anregen, egal ob über Fachliteratur, Unterricht, Bildungsreisen, Kurse oder auch das Internet bzw. Social Media. Denn nur wer seine Meinung in Wissen umwandeln oder auch seine Meinung mit Fach- und Sachwissen untermalen kann, kann von einer wirklich eigenen Philosophie sprechen. In diesem Sinne „Sapere aude“ – bedienen Sie sich eigenen Verstandes.

Ein Auszug aus meiner persönlichen Philosophie

Im Gleichgewicht sein – sowohl Pferd als auch Reiter. Eine Einheit werden. Gemeinsamkeit genießen. Die ganzheitliche Ausbildung von Reitern und Pferden – am Boden und im Sattel – betrachte ich nach den Grundlagen der klassischen Dressur sowie der Biomechanik und individuellen Eigenschaften beider Parteien. Unter der Berücksichtigung physischer, gesundheitlicher sowie psychischer Defizite gilt es, eine Basis zu bilden, die in Zukunft einer gesundheitserhaltenden Reiterei zugute kommt. Jedes Pferd ist anders, befindet sich in einem anderen Ausbildungsstand und verfügt über einen eigenen Intellekt – genauso der Reiter. Bei meiner Ausbildung folge ich den Leitlinien der klassischen Dressur sowohl nach den alten Meistern, wie Baucher oder Guérinière, als auch anerkannten Ausbildern der Neuzeit mit iberischer Prägung. Dabei lege ich besonderen Wert auf die Vermittlung von Gefühl, Verständnis und Freude, um Pferd und Reiter stets motiviert zu halten. „

Ist diese Basis vorhanden, ist gesunderhaltendes Reiten eigentlich ganz einfach – unter der Berücksichtigung tausender kleinster Details“, sagte Nuno Oliveira.

Grundsätze und Ansätze

Wir beginnen mit dem Eckpfeiler der Klassischen Dressur: Die Natur des Pferdes. Die natürlichen Veranlagungen hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeiten und der anatomischen und physiologischen Gegebenheiten geben uns die Grenzen in der Ausbildung des Pferdes vor. Somit gelangt derjenige zur gesunderhaltenden Reiterei, der sich am Rahmen seines Pferdes orientiert. Wer im Spitzensport mitreiten möchte, muss seinen Partner nach anderen Kriterien wählen als der Dressurreiter ohne Turnierambition. Der Grundsatz bleibt der Gleiche: Zu schnelles und zu frühes Abverlangen von Leistungen, denen das Pferd oftmals noch nicht gewachsen ist, löschen jeden klassischen Grundsatz aus.

Das gelungene und gesunderhaltende Reiten sollte das Ziel jeder dressurmäßigen Pferdeausbildung sein. Laut der Schule der Légèreté heißt es, das Pferd zu entspannen, ins Gleichgewicht zu bringen und zu gymnastizieren bis es sich dem Reiter vollständig zur Verfügung stellt und dieser in der Lage ist, die Gänge des Pferdes zu stilisieren.

Ziel unserer Ausbildung ist es, jedes Pferd als Individuum optimal zu fördern, ohne es körperlich und geistig zu beeinträchtigen. Die Vorderhand eines ungerittenen Pferdes trägt von Natur aus bereits 55 Prozent des Körpergewichtes und die Hinterhand nur 45 Prozent. Der relativ weit vorn sitzende Reiter verschlechtert dieses Verhältnis zusätzlich. Damit ist es die Pflicht des Reiters, ein Pferd so auszubilden, dass es in der Lage ist, mehr Last in der Hinterhand aufzunehmen, um die Vorhand entlasten zu können und somit gesund zu bleiben.

Schon Reitmeister de la Guérinière hat in seinem 1733 erschienenen Werk „École de cavalerie“ sehr eingehend über die Natur des Pferdes gesprochen und darauf basierend seine reittechnischen Überlegungen konzipiert. Guérinière ging in seiner Aussage sogar so weit, dass er nur einwandfrei gebaute, kompakte und agile Pferde dressieren wollte, da nur diese den Anforderungen der Hohen Schule gerecht werden konnten. Pferde mit langem Rücken lehnte er aufgrund mangelnder Flexibilität und Versammlungsfähigkeit von vornherein ab und empfahl, diese Tiere vor den Wagen zu spannen.

Heute sind wir soweit, dass wir jedes Pferd im Rahmen seiner körperlichen Möglichkeiten in einem geeigneten System dressurmäßig fördern und gymnastizieren können. Der Blick für das geeignete Exterieur ermöglicht vor allem die Zwanglosigkeit im täglichen Training, impliziert jedoch nicht, dass für das gesunde Reiten nur gut gebaute Pferde in den Dienst genommen werden müssen.